Wenn unterschiedliche Bedürfnisse missverstanden werden


Wenn Nähe Angst macht – und Freiheit als Ablehnung erscheint – Ein Fallbeispiel aus der Paarberatung

Ausgangssituation: Martin (42) und Clara (39) aus Neu-Isenburg (Namen, Ort und Details anonymisiert) suchten über mehrere Monate Unterstützung in meiner Beratungspraxis. Martin wirkte zu Beginn sehr angespannt und berichtete, er fühle sich von Clara häufig „stehen gelassen“. Sie gehe zu Aktivitäten, die ihm nichts bedeuteten – Tanzabende, Treffen mit Freundinnen, kleine Wochenendausflüge oder sie lese in Ruhe ein Buch. Für ihn fühlte sich das an, als würde sie sich bewusst von ihm entfernen.

Er selbst würde niemals etwas tun, das Clara nicht interessiere. Für ihn war das ein Zeichen von Loyalität und Rücksicht. Wenn Clara dennoch ihren eigenen Interessen nachging, empfand er das als respektlos und verletzend.

Clara schilderte die Situation völlig anders. Sie liebe Martin, aber sie brauche soziale Kontakte und Bewegung. Sie sei ein geselliger Mensch, der Freude daran habe, mit Freunden zu lachen, zu tanzen, unterwegs zu sein. Martin hingegen sei gern zu Hause, schaue abends Serien und genieße Ruhe. Sie versuche bereits, vieles zu reduzieren, um ihn nicht zu überfordern – doch egal, wie sehr sie sich anpasse, es schien nie genug.

Die Dynamik hinter den Konflikten

Im Verlauf der Paartherapie zeigte sich, dass Martins Reaktionen nicht aus der aktuellen Beziehung entstanden, sondern aus alten, tief verankerten Erfahrungen.

In seiner Jugend hatte Martin häufig Ablehnung erlebt. Seine Eltern waren emotional distanziert, lobten selten und kritisierten schnell. In der Schule verliebte er sich oft in Mädchen, die kein Interesse an ihm hatten. Er entwickelte unbewusst die Überzeugung:

„Ich genüge nicht. Wenn jemand Freiraum braucht, bedeutet das, dass ich nicht wichtig bin.“

Diese Prägung war ihm nicht bewusst – aber sie wirkte in seinem Erwachsenenleben weiter. Jede kleine Meinungsverschiedenheit, jeder Abend, den Clara mit Freunden verbrachte, löste bei ihm das alte Muster aus: Angst, nicht zu reichen. Angst, verlassen zu werden.

Clara hingegen fühlte sich zunehmend eingeengt. Sie nahm bereits mehr Rücksicht, als ihr guttat. Freunde fragten sie, warum sie sich so stark zurückziehe – ihnen fiel auf, wie sehr Martins Wahrnehmung verzerrt war.

Der Wendepunkt in der Beratung

Ein entscheidender Moment entstand, als Martin in einer Sitzung sagte:

„Wenn Clara weggeht, fühle ich mich wie damals – als würde ich wieder allein auf dem Schulhof stehen.“

Dieser Satz öffnete die Tür zu einem tieferen Verständnis. Zum ersten Mal konnte er selbst erkennen, dass seine Reaktionen nicht von Claras Verhalten ausgelöst wurden, sondern von seiner Vergangenheit.

Gemeinsam wurde erarbeitet:

  • wie alte Verletzungen aktuelle Situationen verfärben,
  • wie er lernen kann, zwischen früheren Erfahrungen und heutigen Realitäten zu unterscheiden,
  • wie er seine Gefühle benennen kann, bevor sie sich in Vorwürfe verwandeln,
  • wie Clara Grenzen setzen darf, ohne Schuldgefühle zu haben.

Clara lernte, Martins Ängste nicht persönlich zu nehmen, sondern als Ausdruck seiner Geschichte zu sehen – ohne sich selbst dafür verantwortlich zu fühlen.

Martin lernte, seine Emotionen zu regulieren und zu prüfen: „Reagiere ich auf Clara – oder auf meine Vergangenheit?“

Das Ergebnis nach mehreren Monaten

Nach etwa fünf Monaten zeigte sich eine deutliche Veränderung:

  • Martin konnte Claras Unternehmungen zunehmend als normalen Ausdruck ihrer Persönlichkeit sehen, nicht als Abwendung.
  • Er entwickelte Strategien, um innere Alarmreaktionen zu beruhigen.
  • Clara gewann wieder mehr Freiheit, ohne Angst vor Konflikten.
  • Beide konnten über Bedürfnisse sprechen, ohne dass das Gespräch eskalierte.
  • Die Beziehung wurde spürbar entspannter und weniger von Unsicherheit geprägt.

Am Ende der Beratung sagte Martin: „Ich merke, dass Clara nicht gegen mich lebt. Sie lebt einfach ihr Leben – und ich darf meines leben, ohne dass wir uns verlieren.“

Clara ergänzte: „Ich fühle mich wieder als Partnerin, nicht als Betreuerin.“

Warum dieser Verlauf gelungen war

Der Erfolg lag darin, dass beide bereit waren, ehrlich hinzuschauen:

  • Martin stellte sich seinen alten Verletzungen.
  • Clara lernte, ihre eigenen Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen.
  • Beide entwickelten ein neues Verständnis füreinander.

So entstand eine Beziehung, in der Nähe nicht mehr durch Angst erdrückt wurde – und Freiheit nicht mehr als Ablehnung missverstanden wurde.


Wenn die Beratung nicht gelingt – Ein Gegenbeispiel zum obigen Fallbeispiel

Wenn alte Wunden jede Veränderung verhindern

Ausgangssituation: Jonas (41) und Mira (44) aus Eppertshausen (Namen, Ort und Details anonymisiert) suchten Unterstützung, weil ihre Beziehung zunehmend belastet war. Jonas fühlte sich von Mira häufig „übergangen“. Sie treffe sich mit Freunden, gehe zu einem Chor, fahre gelegentlich zu Wochenendseminaren – alles Dinge, die Jonas nicht mochte und die er als Zeichen mangelnder Wertschätzung deutete.

Er sagte in der ersten Sitzung: „Wenn sie wirklich bei mir sein wollte, würde sie diese Dinge nicht tun.“

Mira hingegen beschrieb, dass sie Jonas liebe, aber sich immer stärker eingeengt fühle. Sie habe ihre Aktivitäten bereits reduziert, doch egal, wie sehr sie sich anpasse, Jonas wirke ständig verletzt oder verärgert.

Die tieferliegende Dynamik

Im Verlauf der Beratung zeigte sich, dass Jonas’ Reaktionen stark von seiner Vergangenheit geprägt waren. Er hatte in seiner Jugend häufig Zurückweisung erlebt – von seinen Eltern, die wenig Zeit hatten, und von Gleichaltrigen, die ihn oft ausschlossen. Diese Erfahrungen hatten sich zu einem tiefen Muster verdichtet:

„Wenn jemand etwas ohne mich tut, bedeutet das, dass ich nicht wichtig bin.“

Doch anders als im oben genannten gelungenen Beispiel war Jonas kaum bereit, diese Zusammenhänge anzuerkennen. Immer wenn die Sprache auf seine Geschichte kam, blockte er ab:

  • „Das hat nichts damit zu tun.“
  • „Ich reagiere normal, Mira ist einfach rücksichtslos.“
  • „Ich bin nicht das Problem.“

Mira versuchte, Verständnis aufzubringen, doch sie fühlte sich zunehmend für Jonas’ emotionale Stabilität verantwortlich – und gleichzeitig immer weniger gesehen.

Der Verlauf der Beratung

Über mehrere Monate versuchte die Beratung, Jonas zu helfen, seine inneren Muster zu erkennen. Doch er blieb in einer Haltung, die man fachlich als „externalisierende Schuldzuweisung“ bezeichnet: Alles, was er fühlte, sei durch Mira verursacht. Er sah keinen inneren Anteil.

Typische Situationen:

  • Wenn Mira eine andere Meinung äußerte, sagte Jonas: „Du stellst dich gegen mich.“
  • Wenn sie einen Abend mit Freundinnen plante, sagte er: „Du lässt mich im Stich.“
  • Wenn sie Grenzen setzte, sagte er: „Du willst mich verändern.“

In den Sitzungen zeigte sich, dass Jonas zwar unter seinen Gefühlen litt, aber die Verantwortung dafür nicht übernehmen wollte. Er erwartete, dass Mira ihr Leben so weit anpasst, dass seine Trigger nicht mehr ausgelöst werden.

Mira hingegen wurde zunehmend erschöpft. Sie sagte in einer Sitzung: „Ich habe das Gefühl, ich darf nicht mehr ich selbst sein.“

Der Wendepunkt – aber in eine andere Richtung

Nach etwa vier Monaten wurde deutlich, dass Jonas nicht bereit war, seine Perspektive zu erweitern. Er sagte: „Ich komme hierher, damit Mira versteht, was sie falsch macht. Nicht damit ich mich ändere.“

Diese Haltung machte eine Weiterarbeit kaum möglich. Mira begann zu erkennen, dass sie sich selbst verloren hatte. Sie fühlte sich emotional überlastet und gleichzeitig nicht gesehen.

In einer späteren Sitzung sagte sie: „Ich habe versucht, alles möglich zu machen, aber es reicht nie. Ich kann nicht mehr.“

Jonas reagierte darauf nicht mit Einsicht, sondern mit Vorwürfen: „Du gibst einfach auf. Du willst nicht kämpfen.“

Das Ergebnis

Nach fünf Monaten entschieden beide, die Beratung zu beenden – allerdings aus unterschiedlichen Gründen:

  • Jonas war der Meinung, die Beratung habe „nichts gebracht“, weil Mira „nicht bereit sei, sich zu ändern“.
  • Mira erkannte, dass sie in einer Dynamik gefangen war, die sie auf Dauer krank machen würde. Sie zog sich zurück, um wieder zu sich selbst zu finden.

Die Beziehung hielt noch einige Zeit, doch Mira begann, sich emotional zu distanzieren. Jonas deutete dies erneut als Ablehnung, ohne die tieferen Ursachen zu reflektieren.

Am Ende trennten sich die beiden – nicht aus mangelnder Liebe, sondern weil die innere Arbeit, die nötig gewesen wäre, nur von einer Seite getragen wurde.

Warum dieser Verlauf scheiterte

  • Jonas konnte seine alten Verletzungen nicht als Teil seiner heutigen Reaktionen anerkennen.
  • Er blieb in der Überzeugung, Mira sei die Ursache seiner Gefühle.
  • Mira übernahm zu viel Verantwortung und erschöpfte sich.
  • Die Beziehung verlor dadurch ihre Balance und wurde für beide untragbar.

Hinweis: Alle meine Fallbeispiele wurden so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf tatsächliche Klientinnen oder Klienten möglich sind. Namen, Orte und relevante Details wurden entsprechend verändert.


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veröffentlicht am 17.07.2026 + aktualisiert am 17.07.2026