Anonymisiertes Praxisbeispiel aus meiner Trauerberatung – Der Weg zurück ins Leben
Ein plötzlicher Verlust, der alles verändert
Als Mara, 41 Jahre alt, meine Beratung aufsuchte, war ihr Leben gerade erst zerbrochen. Ihr Lebenspartner Leon war völlig unerwartet verstorben. Die beiden lebten im Kreis Darmstadt-Dieburg und hatten ein stabiles, liebevolles Leben aufgebaut – mit Routinen, Plänen und einer tiefen Verbundenheit. Der Verlust traf Mara wie ein Schlag. Sie beschrieb ihren Zustand als „haltlos“, als hätte ihr jemand den festen Boden unter den Füßen weggezogen. (Namen, Altersangaben, Ortsangaben und Falldetails wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen verfremdet).
In den ersten Sitzungen ging es nicht darum, Lösungen zu finden. Es ging darum, überhaupt sprechen zu können. Zuhören war für Mara in dieser Zeit das Wichtigste – oft ist das genau das, was ein trauernder Mensch zunächst braucht und leisten kann.
Phase 1: Stabilisierung – Raum für Schmerz und Orientierung
Die ersten Gespräche: Halt finden im Erzählen
Mara sprach viel über die letzten Tage vor Leons Tod, über die gemeinsame Zeit und darüber, wie surreal alles wirkte. Sie konnte kaum schlafen, kaum essen, kaum denken. Die Frage „Wie soll mein Leben jetzt weitergehen?“ stand wie ein unlösbares Rätsel über allem.
Ich hörte zu. Ohne zu bewerten. Ohne zu drängen. Denn in dieser Phase geht es darum, herauszufinden:
- Wo steht der Mensch gerade?
- Was kann er leisten – und was nicht?
- Ist er schon bereit, nach vorne zu blicken oder braucht er noch Raum für seine Ohnmacht?
- Ist er schön bereit, an sich zu arbeiten, oder braucht er zunächst Stabilität?
Bei Mara war schnell klar: Sie brauchte Stabilität. Struktur. Orientierung. Und jemanden, der den Raum hält.
Phase 2: Die systematische Klärung der Traueraspekte
Nach einigen Sitzungen war Mara soweit, dass wir gemeinsam die grundlegenden Fragen durchgehen konnten, die helfen, die Trauer zu ordnen und zu verstehen.
Ich stelle diese Fragen nicht, um Antworten zu erzwingen, sondern um Klarheit zu schaffen. Denn Trauer ist oft ein Geflecht aus vielen einzelnen Fäden – und erst wenn man sie entwirrt, kann man beginnen, sie zu verarbeiten.
Überforderung benennen
Mara fühlte sich massiv überfordert. Auf die Frage „Wie können Sie die Überforderung genauer beschreiben?“ sagte sie:
- Sie könne morgens kaum aufstehen, weil jeder Tag ohne Leon sinnlos wirke.
- Entscheidungen – selbst kleine – fühlten sich an wie unüberwindbare Hürden.
- Sie habe das Gefühl, gleichzeitig zu viel und zu wenig zu fühlen.
Akzeptanz – ein Prozess, kein Zustand
Auf die Frage „Wie können Sie das genauer in Worte fassen?“ antwortete Mara:
- Sie könne nicht begreifen, dass Leon wirklich nicht mehr zurückkomme.
- Sie ertappe sich dabei, wie sie ihn gedanklich weiterhin in Zukunftspläne einbaue.
- Der Tod wirke „unwirklich“, wie ein schlechter Traum.
- Sie wusste, Sie musste es am Ende akzeptieren, aber gleichzeitig weigerte sich alles in ihr dagegen
Schuldgefühle und Selbstvorwürfe
Viele Trauernde kämpfen mit Schuldgefühlen. Auch Mara sagte:
- Sie frage sich, ob sie etwas hätte früher bemerken müssen.
- Sie mache sich Vorwürfe, nicht genug Zeit mit ihm verbracht zu haben.
- Sie werfe sich vor, an manchen Tagen genervt auf ihn reagiert zu haben.
Unausgesprochene Worte und ungeklärte Themen
Mara erzählte, dass sie Leon gerne noch vieles gesagt hätte:
- Wie dankbar sie für die gemeinsame Zeit war.
- Dass sie ihn für seine Stärke bewunderte.
- Dass sie sich für manche Streitigkeiten entschuldigen wollte.
Der Verlust von Lebenssinn und Halt
Besonders schwer fiel ihr die Frage: „Wie können Sie das genauer in Worte fassen?“
Mara sagte:
- Ihr Leben sei so eng mit Leon verbunden gewesen, dass sie ohne ihn keinen Sinn mehr sehe.
- Sie wisse nicht, wie sie ihr Leben neu definieren solle.
- Sie fühle sich orientierungslos und haltlos.
Abhängigkeiten erkennen und neu ordnen
Mara war emotional stark von Leon abhängig gewesen. Sie erklärte:
- Leon sei ihr emotionaler Anker gewesen.
- Er habe viele organisatorische Aufgaben übernommen.
- Ohne ihn fühle sie sich „verloren im Alltag“.
Fragen ohne Antworten
Viele Trauernde haben Fragen, die niemand beantworten kann. Mara fragte:
- Warum gerade jetzt?
- Warum so plötzlich?
- Warum er?
Der Verstorbene fehlt – konkret und spürbar
Auf die Frage „Wie, was, wo genau fehlt er Ihnen?“ sagte Mara:
- Seine Stimme am Morgen.
- Seine Art, sie zu beruhigen.
- Die gemeinsamen Rituale.
- Das Gefühl, „gesehen“ zu werden.
Sorge um andere Betroffene
Mara sorgte sich sehr um Leons Eltern. Sie sagte:
- Sie fühle sich verantwortlich, obwohl sie selbst kaum Kraft habe.
- Sie habe Angst, ihre eigene Trauer zu vernachlässigen.
Abschiednehmen – ein individueller Prozess
Mara hatte das Gefühl, sich nicht verabschiedet zu haben. Sie erklärte: Der Tod sei so plötzlich gewesen, dass sie keine Möglichkeit gehabt habe, bewusst Abschied zu nehmen.
Phase 3: Aktives Abschiednehmen – Trauer als bewusste Tätigkeit
Ich erklärte Mara, dass Trauer und Abschiednehmen aktive, bewusste Tätigkeiten sind. Sie geschehen nicht automatisch. Sie müssen gestaltet werden. Wir besprachen verschiedene Möglichkeiten:
Bestattung und Trauerfeier
Mara erzählte, dass die Trauerfeier für sie sehr schwer gewesen sei, aber auch ein erster Schritt, die Realität anzuerkennen.
Persönliche Rituale
Wir entwickelten gemeinsam Rituale, die ihr halfen:
- das Einhalten einer bewussten Trauerzeit
- regelmäßige Besuche der Grabstätte
- das Einrichten einer kleinen Gedenkstelle in ihrer Wohnung
- das Anzünden einer Kerze am Abend
- das Aufstellen eines Fotos mit einer frischen Blume
- das bewusste Erinnern – allein und gemeinsam mit Freunden
Innere Dialoge
Ich führte Mara an imaginäre Dialoge heran:
- sich beim Verstorbenen bedanken
- ihm etwas erzählen
- ihm Fragen stellen
- Antworten in sich spüren
Wir begannen mit Fragen, deren Antworten sie kannte: „Weißt du noch, als wir damals am Meer waren?“
Sie stellte sich vor, wie Leon antwortet: „Ja, ich weiß noch, wie schön das war, und …“
Diese Übung gab ihr Trost und half ihr, eine innere Verbindung zu Leon aufzubauen und sogar offene Fragen zu klären.
Phase 4: Zwei Varianten des Abschiednehmens
Ich stellte Mara zwei mögliche Wege des Abschiednehmens vor:
Variante 1: Loslassen – Der Verstorbene ist nicht mehr Teil der äußeren Realität
Hier geht es darum:
- die Abwesenheit anzuerkennen
- den Verlust zu betrauern
- die Realität zu akzeptieren
- irgendwann mit positiver Erinnerung weiterzuleben
Mara sagte: „Ich weiß, dass Leon körperlich nicht mehr da ist. Ich muss lernen, ohne ihn klarzukommen.“
Variante 2: Innere Verbindung – Der Verstorbene bleibt im Inneren präsent
Hier geht es darum:
- die körperliche Abwesenheit zu akzeptieren
- gleichzeitig eine innere Beziehung zu bewahren
- die Seele des Verstorbenen im Alltag mitzunehmen
Mara sagte: „Ich glaube, ich möchte ihn im Herzen behalten. Nicht festhalten – aber mitnehmen.“
Wir besprachen:
- Wie sieht die innere Verbindung aus?
- Wie fühlt sie sich an?
- Wie kann sie gepflegt werden?
Mara fand heraus:
- Die innere Verbindung fühlt sich warm an.
- Sie entsteht, wenn sie bewusst an Leon denkt.
- Sie kann gepflegt werden durch Rituale, Fotos, Gespräche, Erinnerungen.
Phase 5: Der Wendepunkt – Neue Perspektiven entstehen
Nach einigen Wochen zeigte sich eine Veränderung. Mara begann, wieder kleine Schritte zu gehen:
- Sie strukturierte ihren Alltag neu.
- Sie begann, wieder spazieren zu gehen.
- Sie nahm Kontakt zu Freunden auf.
- Sie konnte über Leon sprechen, ohne in Tränen auszubrechen.
In einer Sitzung sagte sie: „Ich glaube, ich fange an zu verstehen, dass ich weiterleben darf.“ Das war ein entscheidender Moment.
Phase 6: Neuorientierung – Was braucht es, um wieder glücklich zu sein?
Ich stellte Mara die Frage:
- „Wie ginge es Ihnen, wenn der Verlust überwunden wäre?“
- „Was brauchen Sie außer der Überwindung der Trauer sonst noch, um wieder glücklich sein zu können?“
Ihre Antworten zeigten:
- Sie wünsche sich neue Stabilität im Alltag.
- Sie wolle lernen, allein Entscheidungen zu treffen.
- Sie brauche neue Perspektiven, die nicht an Leon gebunden sind.
- Sie wolle wieder Vertrauen ins Leben entwickeln.
Diese Aussagen bildeten die Grundlage für die weitere Beratung.
Phase 7: Integration – Die Trauer wird Teil der Biografie
In den folgenden Sitzungen lernte Mara:
- ihre Trauer als Teil ihres Lebens anzunehmen
- sich nicht von der Trauer bestimmen zu lassen
- neue Ziele zu entwickeln
- die Verbindung zu Leon auf eine neue Weise zu bewahren
- unbelastet nach vorne zu blicken und den eigenen Weg zu gestalten
Sie sagte: „Ich glaube, ich kann ihn lieben, ohne im Schmerz zu bleiben. Ich darf frei sein, für Neues.“ Das ist ein zentraler Schritt in der Trauerarbeit.
Fazit: Trauer braucht Raum, Zeit und Struktur
Dieses Fallbeispiel zeigt, wie wichtig es ist, Trauer nicht zu übergehen, sondern ihr Raum zu geben. Durch gezielte Fragen, achtsames Zuhören und eine klare Struktur kann Trauerarbeit helfen, den Verlust zu verarbeiten und Schritt für Schritt wieder Halt im Leben zu finden.
Anmerkung: Logopädagogisch betrachtet, will das Leben immer Folgendes von uns: Lebe und ehre dein Leben, egal, was auch geschieht und wie deine Situation gerade ist, versuche immer das Beste daraus zu machen. Egal, in welcher Situation du dich befindest – sei sie auch noch so schwer – handele sinnvoll, gewissenhaft, verantwortungsvoll und lebensdienlich. Sage ja zum Leben. Der erste Schritt dazu ist immer die Anerkennung dessen, was ist. Das zu akzeptieren, was ist, bedeutet anzuerkennen, das etwas so ist, wie es ist und dass jeder Widerstand gegen eine akzeptierende Haltung sinnlose Zeit und Energieverschwendung darstellt. Akzeptieren beinhaltet das Loslassen des Widerstandes gegen das, was so ist, wie es ist, und nicht zu ändern ist. Es ist die Anerkennung der Realität. Ohne diesen ersten Schritt, kann man nicht nach vorne blicken. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist das schwer, und man braucht Zeit, um in die Akzeptanz zu kommen. Aber das eigenen Leben geht weiter. Und immer fordert es mich dazu auf, dieses Geschenk wertzuschätzen, dankbar zu sein, nach vorne zu blicken und trotz allem etwas Gutes daraus zu machen.
Hinweis: Alle meine Fallbeispiele wurden so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf tatsächliche Klientinnen oder Klienten möglich sind. Namen, Orte und relevante Details wurden entsprechend verändert.
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veröffentlicht am 19.07.2026 + aktualisiert am 19.07.2026